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Und wie siehst du das?

Von Heiner Müller stammt der Satz: „In einem Drama hat jeder recht, sonst wäre es kein Drama.“ „Dramatisch“ ist eine Situation auf der Bühne deshalb, weil es mehr als eine plausible Perspektive, mehr als ein legitimes Interesse, mehr als eine relevante Sichtweise gibt. Was für ein Drama auf der Bühne zutrifft, hat in der negativen Umkehrung viel mit dem Zustand unserer heutigen Gesellschaft zu tun. Die Akzeptanz für Haltungen und Meinungen, die von der eigenen abweichen, lässt immer weiter nach, die Fähigkeit zum Dialog schwindet in gleichem Maße. Wenn wir aber verlernen, unterschiedliche Sichtweisen und Überzeugungen zu respektieren und als gewinnbringend wertzuschätzen, dann zerstören wir die Grundlagen unserer pluralen Demokratie.

Carolin Emcke hat es einmal so formuliert: „Demokratie ist keine statische Gewissheit, sondern eine dynamische Übung im Umgang mit Ungewissheiten und Kritik.“ Theater ist in seinem Wesen genau das: die Feier der Unterschiedlichkeiten und Uneindeutigkeiten. Der Blick auf das Unklare, Widersprüchliche. Die Aufmerksamkeit für das „Sowohl als auch“. Denn in einem Drama hat jeder recht – nur so können wir unsere komplexe Welt zu verstehen versuchen.

Unsere Gesellschaft, auch hier in der Region Lüneburg, ist vielfältiger denn je. Aus den unterschiedlichsten Teilen der Welt sind Menschen zu uns gekommen, teils um unmittelbar Schutz zu suchen, teils um zu bleiben. Sie bereichern unser Zusammenleben, im besten Fall auch kulturell. Sie bringen ein Stück ihrer Heimaten, ihrer Herkünfte mit – und stellen uns Fragen nach unseren eigenen Wurzeln: Woher kommen wir, was macht uns aus? Lebensentwürfe und Überzeugungen, Perspektiven auf unsere heutige Welt, Vorstellungen von der Zukunft und Wissen über die Vergangenheit, all das ist nie eindeutig oder allgemeingültig, objektiv richtig oder falsch, sondern Gegenstand von Aushandlungen. Diese dynamische Übung, von der Carolin Emcke spricht, dieser Aushandlungsprozess ist der Kern von Theater.

In der kommenden Spielzeit fragen wir: „Und wie siehst du das?“. Wir wollen, müssen in unserer Arbeit den Dialog noch mehr in den Mittelpunkt stellen. Am deutlichsten macht sich das vielleicht am „Nathan“ fest, dem berühmten Aufklärungsdrama von Lessing, das wir als Einladung zum Dialog auf die Bühne bringen wollen, unter anderem dadurch, dass nicht nur Deutsch, sondern auch Hebräisch und Arabisch zu hören sein werden. In „Herkunft“ wird eine komplexe persönliche Geschichte zum Sinnbild für die Vielfalt der Heimaten im heutigen Europa. Und mit „Anatevka“ werfen wir einen Blick in die Welt der osteuropäischen Juden und damit auf eine wichtige Wurzel der gemeinsamen europäischen Kultur und auf eine höchst fragile und bedrohte Heimat. Mit „Peer Gynt“ schließlich wandert unser Blick nach Norden und das vermeintlich so „Urdeutsche“ befragen wir nicht zuletzt im „Freischütz“.

Friedrich von Mansberg - Intendant Theater Lüneburg

Frei nach Hartmut Rosa: Unser Leben besteht aus einer unendlichen Kette von Situationen. Sie sind komplex und selten überblicken wir sie komplett, noch seltener können wir alle Konsequenzen unserer Entscheidungen vorhersagen. Entscheiden und Handeln müssen wir gleichwohl. In diesen Momenten des Handelns in komplexen Situationen liegt unsere Freiheit, aber auch unsere Verantwortung. In Konstellationen, so Rosa, erscheint jedoch alles absehbar und auf simple Entweder-Oder-Fragen reduziert. Wir klicken lediglich ein „Ja“ oder ein „Nein“ an. Kein Spielraum, keine Ungewissheit. Immer mehr Momente unseres Lebens erscheinen uns als solche Konstellationen. Sie entbinden uns von persönlicher Verantwortung, nehmen uns aber auch unsere Freiheit.

Im Theater wird exemplarisch erlebbar, dass die Welt und unser Handeln in ihr nicht aus solchen Konstellationen besteht, sondern aus höchst komplexen Situationen. Auf der Bühne erzählen wir davon und lassen uns auf die Vielfalt möglicher Antworten ein, die immer auch die Möglichkeit des Scheiterns in sich tragen. Und abseits der Bühnen wollen wir, mehr noch als bisher, zum Dialog einladen. In unser Foyer, zu Vor- und Nachgesprächen, zu Begegnungen und Austausch. Die hier vorgestellte kommende Spielzeit möchte Sie einladen, an der „dynamischen Übung“, von der Carolin Emcke spricht, teilzunehmen, neugierig zu sein oder zu werden auf die Vielfalt der Erzählungen und Haltungen, der Sichtweisen und Hoffnungen. Lassen Sie uns gemeinsam öfter fragen: „Und wie siehst du das?“

Friedrich von Mansberg
Intendant