Das Brett, das die Welt bedeutet
Philipp Kochheim inszeniert ein "Chess"-Event am Theater Lüneburg
Das Duell: Trumper (USA), gespielt von Henrik Wager, tänzelt um das Brett, Sergievsky (Sowjetunion) bzw. Gerd Achilles konzentriert sich und siegt: Das Drama nimmt seinen Lauf. Foto: t w Lüneburg. Der rote Teppich ist ausgerollt, die Security steht schwarz und schweiget, Kamerateams hasten umher, Hostessen grüßen, Scheinwerfer gleißen, schwere Limousinen rollen vor, Stars werden durch die Masse geleitet: Auftakt zu den "23rd International Chess Championships Lüneburg". Grußworte zum Event liefern der Oberbürgermeister ("große Freude"), der örtliche Schachpräsident ("Dank den Hauptsponsoren") und der Hausherr ("Lassen Sie sich begeistern"). Dann ist es 20 Uhr, das Stück beginnt, und es ist draußen und im Foyer schon so viel passiert. "Chess" ist das Theaterspektakel 2009/2010 in Lüneburg.
Das Musical mit der Musik der "ABBA"-Männer führt in die Zeit des Kalten Kriegs, als Sportereignisse zum Kampf der Systeme stilisiert wurden. Akteure hießen damals Bobby Fischer, Boris Spasski und Anatoli Karpow. Auf der Bühne treten an: Frederick Trumper für die USA, Anatoly Sergievsky für die Sowjetunion. Sie streiten um die Macht am Brett und auch um die im Bett: Denn die schöne Florence Vassy, genannt "der Engel des Teufels", wird Trumper verlassen und zu Sergievsky überlaufen. Der wiederum verlässt Sowjetunion, Frau und Kind und zieht seine Bauern bald für die USA.
Angerichtet hat "Chess" Philipp Kochheim, ein Meister des Theater-Layouts und -Designs. Ihn interessiert weniger das Ost-West-Gezerre, das bietet eine attraktive Folie. Kochheim guckt auf die Menschen, ihr Handeln, ihr Wesen, Der Befund ist bitter: Das Ego ist im Moment des Handelns immer stärker als jeder Schwur von Treue und Liebe.
Die Szenerie ist nobel, ganz in kühlem Weiß, aus dem Orchestergraben fährt zusätzlich ein komplettes Hotelzimmer auf. Barbara Bloch hat eine eindrucksvolle Kulisse gebaut. Das Orchester ist mit Chef Urs-Michael Theus auf die Hinterbühne gezogen und wird der zwischen Rock und Klassik switchenden, streckenweise banalen, dann wieder packenden Musik mehr als gerecht. Beim Feintuning lässt sich hier und da noch nachjustieren, um die Balance zu den Sängern zu optimieren, auch zugunsten der Verständlichkeit.
Das Tempo ist hoch, Dialoge sitzen messerscharf, agiert wird leidenschaftlich - bis hin zum Sex auf dem Schachbrett, aber da senkt sich beizeiten der Pausenvorhang. Geht er wieder hoch, spielt die Szenerie "One Night in Bangkok" bzw. in einer schummerigen Lasterhöhle mit Sex und Drugs und Rock'n'Roll. Kochheim erfindet starke Bilder, entschlackt die mit zu vielen Nebengedanken befrachtete Geschichte, und ans Ende platziert er einen - hier nicht zu verratenden - Knalleffekt.
Henrik Wager spielt mit viel Rockmusik-Appeal Frederick Trumper, der vom Schach-Star zum Moderator wechselt. Wagers Trumper ist ein arroganter Zyniker, eine züngelnde Natter und doch eine arme Wurst. Dagegen erscheint Anatoly Sergievsky, gespielt und gesungen vom überragenden Gerd Achilles, als sanfterer, nachdenklicher Typ, der aber doch nur um sich selbst kreist. Das bekommt Florence zu spüren. Elisabeth Sikora, die ihre Balladen wunderbar singt, gibt der Frau dennoch selbstbewusste Züge.
Sie alle sind Figuren von eigentlich tragischer Größe. Das gilt sogar noch für Svetlana (Anne Hoth), Anatolys chancenlose Frau, die als Spielball politischer Interessen nach Bangkok eingeflogen wird. Der starke "Rest" bekommt herrliche Züge von Karikatur. Harro Korn kann seine tiefe Stimme knurren, grollen und brummeln lassen, um den fiesen, bei Bedarf jovialen KGB-Brutalo Molokov zu spielen. Friedrich von Mansberg ist der smarte, überall herumwuselnde Berater auf US-Seite, ein Intrigant der leisen Sorte. Alvin Le-Bass tänzelt als eitler Schiedrichter zwischen Partien und Parteien umher, und mit allen anderen inklusive Chor und viel Statisterie erntet er ein lang anhaltendes, begeistertes Echo zur Premiere.
Die Limousinen rollen wieder am 12., 18. und 26. Dezember vor. p.s.: Man beachte die Details: Das Programmheft zum Event listet die Gewinner der internationalen Schachmeisterschaften auf: Demnach haben doch glatt u.a. die Lüneburger Brettspezialisten Rehbein, Redenius und Schreiner die Könige der Welt gestürzt.
(Hans Martin Koch in der Landeszeitung vom 7. 12. 2009)